Diese Woche ist wieder einiges passiert. Ich habe Interviews mit Frauen aus den Selbsthilfegruppen geführt, war in den Heimen unterwegs und habe zusammen mit Peline, unserer Heimleiterin, und Chantal, ihren Opa in Bubanza besucht. Bubanza ist eine Provinz nördlich von Bujumbura. Dort ist das Land eher Flach, nicht so bergig wie im Zentrum Burundis. Es wird sehr viel Reis angepflanzt und die Region wird hauptsächlich von Hutus dominiert. Sie sind auch deutlich wohlhabender als die dort lebenden Tutsi. Ich habe zuvor noch nie gesehen, wie Reis geerntet wird. Es ist eine sehr harte und schwierige Arbeit, die die Menschen verrichten. Sie stehen knietief in den vom vielen Regen überfluteten Feldern und müssen die Reiskörner aus den Hülsen schlagen, bevor sie zum Trocknen auf den Straßen ausgelegt werden. Es ist ein seltsamer Anblick, der mir in Buterere auch schon oft geboten wurde. Die Asphaltierten Straßen sind oft der einzige Ort, an dem man die Körner auslegen kann. Man ist gezwungen mit dem Auto, dem Motorrand oder den Fahrrädern darüber zu fahren.
Ich habe beschlossen, unsere kleine Reise von etwa 30 Km mit dem Motorrad zu machen, da es mit dem Bus viel länger gedauert hätte und der Preis für die Tickets ähnlich dem Preis für ein Taximoto gewesen wäre. Also bin ich zusammen mit Peline auf meinem Motorrad gefahren und Chantal mit einem Fahrer. Der vorher ausgehandelte Preis war 10.000 Fbu was etwa 6,25 Euro entspricht (Der Wechselkurs ist leider wieder gefallen). Nach etwa 20 Minuten Fahrt habe ich am rechten Straßenrand eine Kuh im Gebüsch entdeckt. Erfahrungsgemäß kommt nicht nur eine Kuh von den Feldern auf die Straße, sondern eine ganze Herde (etwa 15-10 Tiere). Die Hirten treiben die Kühe von Wiedeplatz zu Weideplatz und am Nachmittag dann wieder in die Ställe. Ich bin also vom Gas gegangen und habe einen kleinen Bogen um die Stelle gemacht. Das war nur leider nicht genug. Zwei der Kühe haben sich gegenseitig weggestoßen und sind mit einem Satz auf die Straße gesprungen. Eine von ihnen hat mich dann mit ihren Hörnen am Bein gestreift. Es ist weiter nichts passiert, da sie sich wohl noch mehr erschreckt hat als ich, aber sie hätte uns beinahe mitsamt dem Motorrad umgeworfen.
Unsere Fahrt ging dann ohne weitere Störungen weiter. Der Ausblick ist einfach herrlich, obwohl ich es noch schöner finde die Straße Richtung Süden entlang zu fahren. Dort hat man den See in greifbarer Nähe und bei schönem Wetter ist das Wasser so klar und türkisfarben wie in der Karibik. Trotzdem bietet der Ausblick im Norden auch einiges. Die schon erwähnten Reisfelder, die Berge des Kong auf der linken Seite und die grünen Hügel Burundis auf der Rechten. Es ist geschäftig, die Menschen transportieren ihre Waren auf Fahrrädern und auf ihren Köpfen oder treiben ihre Ziegen und Kühe vor sich her.
Als wir schließlich die geteerte Straße verlassen müssen, um zum Haus des Opas zu kommen, passiert das nächste unvorhergesehene. Der ansteigende Weg, überseht mit großen und kleinen Steinbrocken ist das vorläufige Ende unserer Tour. Mein Motorrad hat einen Platten. Mein erster Gedanke war: Oh nein, mitten in der Pampa eine Panne, wie sollen wir bloß wieder zurück. Dieser Gedanke war natürlich wie immer absolut überflüssig. Ich hatte für einige Sekunden vergessen, dass man in Afrika eigentlich nie ohne Hilfe ist. Der Taximotofahrer, schnappte sich mein Motorrad und sagte ich solle seins nehmen. Wir rollten den Weg wieder runter zur Straße und hielten vor einer kleinen Schweißerei. Dort ließen sofort alle ihre Arbeit liegen um die Muzungukazi zu bestaunen und evtl. auch etwas abzustauben. Nach ungefähr einer gefühlten Stunde (es war bestimmt weniger) war alles repariert. Die ganze Zeit über standen wir in der prallen Sonne und unterhielten uns mit den umstehenden Leuten. Eine kleine Prozession kommt an uns vorbei, sie tragen ein Kreuz vor sich her. Ich habe mich an den Anblick schon gewöhnt, doch dieses Mal tragen die Leute einen kleinen Sarg aus Sperrholtz, eingehüllt in afrikanischen Stoff – ein Kindersarg. Ich gucke rüber zu Peline und sie lächelt mich an. Sie hat so viel erlebt, dass sie solche Bilder bei Weitem nicht mehr aus der Fassung bringen. Ich schlucke kurz, sehe den Familienangehörigen in die Augen und nicke ihnen zu, als sie vorbei gehen.
Zum Schluss musste ich dann 5000 Fbu für die Reparatur blechen. Ein Preis der viel zu hoch ist. In der Stadt bezahle ich für eine Reifenreparatur nicht mal 2000Fbu. Als ich protestieren wollte, nahm mich Peline am Arm und schüttelte mit dem Kopf. Sie flüsterte mir zu, dass es nicht gut wäre hier noch länger zu bleiben und den Zorn der Leute auf uns zu ziehen. Der Mann der die Reparatur durchgeführt hat, sagte wohl sowas wie: es wäre nicht lange her, dass sich Tutsi (wie Peline) und weiße nicht getraut haben hier zu halten. Diese Drohung konnten wir natürlich nicht ignorieren und machten uns schnell auf den Weg zum Großvater.
Dort war natürlich niemand. Es musste erst jemand nach ihm schicken. In der Zwischenzeit sang Peline mit den neugierigen Kindern und wir verteilten Erdnüsse. Nach wiederum einer Stunde erschien dann endlich der Großvater. Er sah noch schlimmer aus, als letzten Sommer, als ich ihn kennenlernte. Er ist schätzungsweise 70 Jahre alt, sieht aber aus wie 100. Seine Zähne sind verstümmelt und größtenteils nicht mehr vorhanden. Sein Körper gleicht einem Skelett und seine Augen scheinen blind zu sein. Er begrüßt uns herzlich und macht sich schnelle daran, uns eine Bank und einen Stuhl in seine Hütte zu stellen. Seine Unterkunft ist dunkel und klein. Zwei kleine Kammern, die durch einen Vorhang von einander getrennt sind. In den Ecken liegen wenige Habseligkeiten und an der Wand hängt ein alter modriger Rucksack. Als er uns von seinem vergangenen Jahr erzählt, hat er Tränen in den Augen. Er führt ein hartes Leben und verdient sich sein Geld mit Feldarbeit. Er sagt, wie sehr er mich vermisst hat. Mir ist das sehr unangenehm, er erwartet natürlich Hilfe, aber anstatt zu sagen, dass er sich freut Chantal zu sehen, gilt seine Freude mir. Er fragt nach einem Mikrokredit, den ich ihm natürlich nicht geben kann. Er wohnt viel zu weit weg, als dass er das Geld zurück zahlen könnte. Dennoch freue ich mich, dass er nicht einfach nur Almosen möchte. Er möchte gerne wissen, wo Chantal und die anderen jetzt leben. Er will sie im Heim besuchen kommen. Ob er das geld dafür aufbringen wird, weiß ich nicht. Er erzählt weiter, dass er noch drei Söhne im Landesinneren hat. Auf Pelines Frage, warum er denn nicht bei ihnen lebe, antwortet er, dass er das kalte Klima dort nicht ertragen könnte. Ob das der wahre Grund ist oder nicht werde ich wohl vorerst nicht herausfinden. Nach ca. einer halben Stunde müssen wir wieder aufbrechen. Es ist Nachmittag und wir dürfen uns nicht zu lange aufhalten. Ich stecke Chantal Seife und 20.000Fbu zu, die sie ihm überreicht. Ich hoffe er wird mit dem Geld eine Weile über die Runden kommen.
Ausflug in den Norden
April 18, 2009 um 9:30 (Uncategorized)