Selbsthilfegruppen

Heute habe ich zusammen mit dem burundischen Pater Alfons eine kleine Studienreise in den Süden Burundis nach Magara gemacht. Alfons hat 13 Jahre in Deutschland gelebt, studiert und eine Doktorabreit über die politische Alphabetisierung geschrieben. Alfons spricht perfekt deutsch und hat schon Anne sehr bei der Recherche für ihre Masterarbeit geholfen. Er ist im Frühling 2008 zurück nach Burundi gekommen und ist Direktor einer lokalen NGO. Neben seinen dortigen Aufgaben, hat er vor 4 Jahren ein eigenes Projekt ins Leben gerufen. In seiner Heimatkommune hat er viel Land aufgekauft, um eine Schule und eine Gesundheitsstation bauen zu können. Später soll aus dem noch kaum bebauten Terrain ein Dorf werden – mit eigenem Marktplatz und Restaurants.

Vor zwei Wochen habe ich ein Interview mit der Selbsthilfegruppenkoordinatorin der NGO Thars geführt. Sie erzählte mir, dass sie zusammen mit anderen Lokalen NGOs, und gesponsert von der Kindernothilfe, viele Selbsthilfegruppen begleiten würden. Durch Zufall habe ich letze Woche bei einem Treffen mit Alfons und Anne herausgefunden, dass seine NGO ebenfalls unter den Organisationen ist, die an dem Projekt teilnehmen.

Wir vereinbarten also für heute einen Termin, damit ich mir das ganze mal genauer angucken konnte. Ich habe selbst ja nur die Erfahrung mit Mikrokrediten machen können, denke aber, dass der Selbsthilfegruppenansatz nachhaltiger ist und die Frauen vor allem viel selbstbestimmter und unabhängiger sein lässt. Damit ihr versteht wovon ich überhaupt rede werde ich euch mal ne grobe Einführung geben:

Der „Self Help Group Approach“ wurde 2002 von der Kindernothilfe in mehreren Ländern Afrikas eingeführt und wird seit 2002 auch in Burundi praktiziert. Die Idee ist simpel. Angestellte der zuständigen NGOs gehen in ausgewählte Kommunen und dort zu den Ärmsten der Armen nach Hause. Sie verbreiten die Idee in vielen Haushalten und laden dann die Frauen zu einem ersten gemeinsamen Treffen ein. Bei diesem freiwilligen Treffen, werden nochmal grundlegende Informationen zu dem Projekt gegeben und gegen Ende der Versammlung können sich schon die ersten Frauen zu Gruppen zusammen tun. Dabei entscheiden die Frauen weitest gehend selbstständig. Entscheidend ist nur, dass sich in jeder Gruppe nicht mehr als 20 Frauen befinden und dass sie einen ähnlichen sozialen Status einnehmen. Dieses Prinzip ist besonders wichtig, da sich die Frauen schnell in der Entwicklung hemmen können, wenn einige finanziell besser gestellt sind als andere. Ablesbar ist der Status an der Anzahl von Ziegen oder Hühnern, oder ob die Kinder zur Schule gehen und der Mann (wenn er noch lebt) Arbeit hat oder nicht. Jedes Mitglied muss schon von Anfang an wöchentlich einen kleinen Geldbetrag in den gemeinsamen Topf einzahlen. Über die Höhe dieses Beitrages, Regeln in der Gruppe für die Vergabe von Krediten oder Geldstrafen bei Zuspätkommen oder Abwesenheit, entscheiden die Mitglieder selbst. Die Summe beläuft sich am Anfang auf 100 FBU (nicht mal 10 Cent), kann aber variieren (meist nicht mehr als 500 FBU). Wenn genug Geld zusammen gekommen ist, kann die erste Frau einen Kredit erhalten. Ähnlich wie bei Mikrokrediten, kann er für einen kleinen Handel benötigt werden, oder aber für die Behandlung eines kranken Kindes. Die Gruppe entscheidet im Voraus, ob und/oder in welcher Höhe Zinsen verlangt werden. Die ausgezahlten Summen sind äußerst gering (10.000 FBU, etwa 7 Euro) und die Wartezeiten sind sehr lang. Sie können jedoch verkürzt werden, wenn auch andere Einnahmen in den gemeinsamen Topf eingezahlt werden. Im Prinzip gibt es 4 Einnahmequellen: das Ersparte der Frauen, die Zinsen für die Kredite, Geldstrafen bei Verstoßen der Regeln und zu guter letzt die Gemeinschaftsarbeiten der Gruppe. Zuletzt genannte finde ich persönlich sehr interessant. So kann die Gruppe gemeinsam an einem Tag ein ganzen Feld bearbeiten, ein einziges Produkt (wie zum Beispiel Seife) verkaufen oder (wenn vorhanden) ein eigenes Feld bepflanzen und einen Teil des Gewinns in die gemeinsame Kasse einzahlen. Will ein Mitglied die austreten, wird ihm der gesamte eingezahlte Betrag, auch die wöchentlichen Beiträge, ausgezahlt. Das kann, je nach Kapital, eine Weile dauern, wird den Frauen aber dennoch zugesichert.

Der Selbsthilfegruppenansatz soll jedoch nicht in erster Linie eine Geldbeschaffungsmaßnahme sein, sondern ebenso die Frauen zu mehr Selbstbewusstsein und sozialem wie wirtschaftlichem Denken befähigen. Zwei der Mitglieder der Gruppe, die ich heute besucht habe, waren krank und wurden nach dem Treffen von anderen Mitgliedern besucht. Die Frauen einigten sich darauf, wer Brennholz, Kohle und Essen bringen sollte. Dieses Beispiel zeigt deutlich, dass sich die Gruppen unterstützt und für einander da ist. Die Gemeinschaft zeigt den Frauen außerdem, dass sie mit ihren Problemen nicht alleine dastehen und Ansprechpartner haben. Sie werden außerdem von einem Mitarbeiter der NGO begleitet. Er regt sie zu Gesprächen an und trainiert mit ihnen Kommunikation oder schult sie in wirtschaftlichen Fragen. Heute hat er mit den Frauen stille Post gespielt. Am Ende kam natürlich was anderes raus, als am Anfang gesagt. Anhand dieses Beispiels lernten die Frauen, wie wichtig es ist gut zuzuhören und deutlich zu sprechen. Besonders, wenn neue Projekte gestartet werden sollen, oder Informationen unter den Gruppenmitgliedern verbreitet werden müssen, ist die Kommunikation das wichtigste Mittel. Ein weiteres Thema heute war, welche Geschäftsideen sich rentieren, welche nicht und wie man das am besten herausfindet. So ist es wenig sinnvoll, die 20. Frau auf dem Markt zu sein, die Reis oder Tomaten verkauft. Gut hingegen wäre ein kleiner Bauchladen mit Stiften, die man dann direkt an Schulen verkauft, wo notorischer „Stiftemangel“ herrscht ;-) .

Das ganze Konzept lässt sich nach einer Anlaufphase von einem Jahr noch ausweiten. Ab diesem Zeitpunkt werden die Frauen von keinem Angestellten mehr begleiten und sind völlig selbstständig organisiert. Momentan gibt es in Magara 23 Gruppen. Ziel ist es, aus ca. 10 Gruppen je zwei Frauen auszuwählen, die zusammen eine „Cluster Level Association“(CLA) bilden, um so zum Beispiel die Mitglieder und Familien aller Gruppen in der Gemeinde zu vertreten. Durch diese Zusammenschlüsse können für die Menschen viele Vorteile entstehen. So hat die bisher erste CLA in Magara erreicht, dass die Kosten für die Eintragung der Kinder einer Selbsthilfegruppe in der Gemeinde, von 4700 FBU auf 1000 FBU gesengt werden. Mich interessierte natürlich wo der Vorteil einer Eintragung liegt und die Antwort war mehr als einleuchtend. Der Staat hat eine kostenlose medizinische Versorgung von Kindern unter 5 Jahren eingeführt, von der Kinder jedoch nur profitieren können die registriert sind. Zudem gibt es manchmal spezielle Zuschüsse/Geschenke für Schulen, die diese auch nur an in der Gemeinde eingetragene Schüler weitergeben. Die dritte und letzte Phase sieht vor, dass sich Mitglieder einer CLA zu einer Föderation zusammen schließen, die dann eine unglaublich große Anzahl von Menschen vertritt und auch bei politischen Entscheidungen zu Wort kommen soll. Soweit ist es aber in Burundi noch nicht, da die Selbsthilfegruppen erst seit 2007 bestehen. In Ruanda jedoch haben sich schon viele Föderationen gebildet.

So das wars dann jetzt erstmal, bei Fragen einfach ein Comment schreiben und alles Weitere werde ich nach meinen nächsten Besuchen bei den Frauen erzählen.

1 Kommentar

  1. Ludwig Kamm sagte,

    April 8, 2009 um 5:22 pm

    hi Nadine,

    grüße Alphonse bei einem nächsten Treffen ganz herzlich von mir. Er kennt Tönisvorst sehr gut – hat hier schon Urlaubsvertretung gemacht!
    Gruß
    Ludwgi


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