Chantal

img_3160Im Sommer habe ich euch schon mal von Chantal und ihren Geschwistern erzählt. Ihre Mutter starb im März 2008, weil sie von ihrem Ehemann erdrosselt wurde. Die Kinder lebten zu dieser Zeit schon bei uns im Heim, weil die Mutter ständig vom Alkohol betäubt war und sich nicht gut um sie kümmerte. Wir haben zwei der 5 Kinder zu Onkel und Tante väterlicherseits gebracht, wo sie zusammen mit den 7 leiblichen Kindern der Familie leben sollten. Chantal, ihre kleine Schwester Grace und der jüngere Bruder Claude sollten im Heim bleiben. Seit meiner Abreise im Sommer, hat Chantal eine Ausbildung zur Korbfelchterin gemacht. Sie sitzt den ganzen Tag mit anderen Frauen und dem Nachtwächter vom Waisenheim auf der Terrasse und übt fleißig. Immer im Schlepptau ihre zweijährige Schwester, die mittlerweile sogar laufen kann. Sie war sehr unterernährt als ich sie gefunden habe. Leider hat sie ihre anderen Geschwister seit August 2008 nicht mehr gesehen. Schon kurz nach meiner Ankunft hier, bat mich Chantal darum, zusammen mit ihr die beiden anderen Geschwister besuchen zu können. Sie leben zu weit von der Stadt entfernt, um die Reise alleine anzutreten. Ich habe mein Versprechen, mit ihr dorthin zu fahren, erst letzte Woche einlösen können. Die Arbeit am Haus und mit den Mikrokrediten hat ziemlich viel Zeit in Anspruch genommen. Verena stellte uns den Jeep zur Verfügung und mit ein bisschen Proviant gings los. Ich schätze es sind ungefähr 50 oder 60 Kilometer in Richtung Norden. Der Weg ist eine Schotterpiste die sich langsam die Berge hochzieht. Wir haben 1,5 Stunden gebraucht. Auf dem Weg sind wir an Demobilisierungscamps vorbei gekommen und man hat eigentlich die ganze Zeit keinen empfang. Die Familie wusste nichts von unserem Besuch, weshalb wir uns auf eine längere Wartezeit eigerichtet hatten. Manchmal arbeiten die Menschen auf einem Feld, dass weit weg von der Hütte liegt, sodass es Zeit braucht, jemanden zu schicken der sie über unser Eintreffen informieren kann. Das Auto mussten wir ein gutes Stück entfernt stehen lassen, da der Weg zu der Hütte ein kleiner Pfad am Hang eines Bananenbewachsenen Berges ist. Durch den Regen war er außerdem total rutschig und schlammig. Chantal fand den Weg zum Grundstück trotzdem und ließ mich und meine Kollegin dort zurück um die anderen zu suchen. Kurze Zeit später lugte ein kleiner Junge um die Ecke, sein Pulli war völlig verdreckt und er guckte uns schüchtern an. Ich brauchte einige Sekunden, um zu sehen, dass es Mani Eric war, Chantals etwa 10 jähriger Bruder. Mein erster Gedanke war, dass es ihm nicht gut geht oder dass die Familie ihn arbeiten lässt und nur die eigenen Kinder vernünftig versorgt. Solche Geschichten passieren leider viel zu oft. Die leiblichen Kinder werden bevorzugt und zur Schule geschickt, die anderen müssen hart arbeiten. Er begrüßte uns scheu (ich denke er schämte sich für seine dreckige Kleidung) und huschte dann schnell ins Haus wo Chantal kurz mit ihm alleine redete, bevor der Rest der Familie eintrudelte. Sie konnte mich beruhigen und meinte, dass es den Kinder gut gehe, sie würden morgens zur Schule gehen und nachmittags arbeiten, wie alle Kinder auf dem Land. Eric kam dann auch in ordentlicher Kleidung und gewaschen raus. Die anderen Cousinen und Kwizera (Chantals 12 jährige Schwester) kamen mit schwerem Brennholz auf den Köpfen vom Holzsammeln. Es folgte ein langes Gespräch mit dem Onkel und dem „Chef des Hügels“. Sie erzählten uns, dass es immer wieder zu gewalttätigen Einbrüchen und Diebstählen durch die Rebellengruppe FNL käme. Sie befinden sich zurzeit in Camps, um der Burundischen Armee angeschlossen zu werden. Leider werden sie scheinbar nicht genügend mit Nahrungsmitteln versorgt, sodass sie die Umliegenden Dörfer überfallen. Ich habe sofort ein schlechtes Gewissen bekommen, dass ich die Reise mit angetreten bin, denn ich will eigentlich vermeiden, dass man die Familie überfällt weil die Muzungu bestimmt viel Geld da gelassen hat. Wir haben dann so unauffällig wie möglich ein bisschen Geld und Kleidung im Haus verstaut und der Chef des Hügels hat den Leuten gesagt, dass wir nur gekommen sind, damit die Kinder sich sehen können. Was jetzt nach unserer Abfahr noch passiert ich kann ich nicht sagen. Die Möglichkeiten uns über das Wohlergehen der Familie auf dem Laufenden zu halten sind einfach unglaublich begrenzt. Alles in allem bin ich sehr zufrieden, denn den Kids geht es gut. Die Familie war außerdem sehr überascht, dass es Grace gut geht bzw dass sie noch am Leben ist! Sie hatten nicht damit gerechnet sie nocheinmal zu sehen. Der kleine Eric war leider ziemlich traurig als wir gefahren sind und flüsterte mir auf Kirundi ins Ohr, ob wir nicht zusammen fahren könnten. Natürlich fiel es mir schwer nein zu sagen, aber es ist einfach besser für die Zukunft der Kinder im Familienverbund zu leben. Nur so können sie wirklich lernen, wie sie sich einmal später selber versorgen können, wie ein Haushalt funktioniert und nicht zu vergessen, der Rückhalt, den eine Familie gibt. Gestern haben alle Freiwilligen den ganzen Tag mit den Kindern im Straßenkinderheim Volleyball gespielt. Hier war ein nationaler Feiertag und außerdem Ferienbeginn. Wir haben ein kleines Turnier veranstaltet und anschließend mein Lieblingsessen auf dem Feuer gebratenen Fisch in Tomatensoße mit Ubuswage gegessen.

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