Nach zwei Wochen

Jetzt bin ich schon zwei Wochen in Burundi, ich habe Zeit gebraucht mich einzugewöhnen und meine Aufgaben zu finden. Ich hatte eigentlich damit gerechnet, dass ich sofort anfange richtig zu arbeiten. Leider gibt es das Heim in Buterere nicht mehr, indem ich letzten Sommer jeden Tag gearbeitet habe. Es befinden sich dort nur noch der Kindergarten und das Büro für die Vergabe von Mikrokrediten. Die Straßenmädchen und ihre Geschwister, die wir dort untergebracht haben sind wieder auf sich allein gestellt. Ihre Familien kümmern sich nicht immer ausreichend um sie und so musste ich fast alle wieder auf den Straßen von Bujumbura betteln sehen. Ich zerbreche mir den Kopf darüber, wie ich die Familien unterstützen kann. Mit Spendengeldern bin ich dieses Mal nicht gekommen. Ich habe mir fest vorgenommen, den Menschen auf andere Weise zu helfen. Sie sollen schließlich nicht ewig abhängig von Hilfen sein. Außerdem bin ich ja auch nach zwei Monaten nicht mehr da. Viel wichtiger ist es mir dieses Mal, in Zusammenarbeit mit ihnen, ihre eigenen Ressourcen zu wecken und sie zu motivieren, ihr Leben in die Hand zu nehmen. Ich finde immer wieder Eltern vor, die ihren Kindern ein schlechtes Vorbild sind. Wenn sie nicht selber mit auf die Straße gehen zum Betteln, dann machen sie den ganzen Tag nichts. Ich habe oft den Eindruck, dass sie sich ihrem Schicksal hingeben, da man ja eh nichts ändern kann. Diese Sichtweise finden wir hier auch oft in den Heimen. In einem Gespräch mit 6 Straßenjungen, die zurück in Ihre Familien sollen ging es darum, sie zu einer Ausbildung zu motivieren. Sie waren nicht begeister von dieser Idee, im Gegenteil, sie argumentierten, dass Gott schon entscheiden würde, ob sie arm bleiben müssten oder nicht. Sie sehen einfach nicht ein, dass ihre Zukunft in ihren eigenen Händen liegt. Wir die Muzungus hätten ja den glaube an Gott sowieso verloren und uns würde nur Geld interessieren. Wir hätten ja nie echtes Elend erlebt und hätten leicht reden. Diese jungen Männer im Alter zwischen 18 und 23 formen zwar ihre Muskeln durch Sport, wollen ihre Kräfte aber nicht für Arbeit nutzen. „Das ist uns zu anstrengend…“!!!
Mir fällt es sehr schwer über ihre und die Einstellung der Eltern in den Armenvierteln zu urteilen. Steht es mir zu, zu behaupten, dass sie mit mehr Engagement und Eigenleistung sehr viel verändern könnten? Und ist es nicht auch unsere Schuld, dass die Jungs nie richtig gelernt haben für ihren Unterhalt zu kämpfen. Sie waren jahrelang im Heim, habe nicht gelernt, wie man ein Feld bestellt oder wie man eine Familie versorgt. Das übernehmen sonst die Familien im alltäglichen Leben, doch anstatt sie zu den Familien zu bringen und sie dort zu unterstützen haben wir sie in Heime gesteckt. Ein gutes Vorzeigebild für Spender, die bei Besuchen eine Anlaufstelle haben. Aber ist es auch nachhaltige und sinnvolle Hilfe? Im Prinzip wird den Kindern doch ein Leben ermöglicht, dass sie später nie selber leben könnten. Sie kommen aus armen Bauernfamilien und werden sich zum größten Teil auch wieder auf diese Weise durchs Leben schlagen. An dieser Stelle höre ich mal auf, das Thema ist wirklich sehr schwierig. Ich selber dachte immer, im Heim ist es besser als bei den Familien, weil die Kinder zur Schule gehen können, sie garantiert essen können und ein eigenes Bett haben. Aber eben dieser „Luxus“ formt die Mentalität und die Zukunftsvorstellungen der Kinder, die leider nicht sehr realistisch sind.
Zurück zu Buterere und den Familien dort. Nicht alle Frauen, mit denen ich arbeite leben in extremer Armut und nicht alle haben die Hoffnung auf ein gutes Leben verloren. Ich sehe durchaus auch Familien, in denen beide Eltern arbeiten und deren Kinder immer sauber sind, auch wenn sie kein fließendes Wasser im Haus haben. Eine besonders zuverlässige junge Mutter aus Buterere hat mich sofort am ersten Tag verblüfft. Ich habe ihr im Sommer das erste Mal einen Mikrokredit gegeben. Zuerst zögerte ich, denn sie war sauber und verhältnismäßig gut gekleidet, sprach sogar französisch. Ich dachte mir: Warum braucht sie einen Kredit, es geht ihr doch gut. Ihr Mann hat Arbeit und sie ebenfalls. Sie wollte ihren Handel jedoch verbessern und benötigte 30€. Ich entschloss mich zusammen mit Bienvenu ihr den Kredit zu gewähren.
Heute hat sie schon ihren zweiten Kredit gewissenhaft zurück gezahlt und ist diejenige, die uns Informationen über andere Frauen gibt. Durch sie können wir die anderen Frauen aus dem Viertel besser „kontrollieren“. Sie kennt ihre Nachbarinnen und ist uns bei der Auswahl der Kreditnehmerinnen eine große Hilfe.
Vor letzte Woche begrüßte sie mich freudestrahlend und übergab mir ein Paket, ordentlich eingepackt in Geschenkpapier. Darin befand sich eine von Hand bestickte große Decke und ein Brief, indem sie sich für meine Hilfe bedankte. Anschließend lud sie mich zu sich nach Hause ein. Sie wohnt nur wenige Meter vom Büro entfernt. Ihr Haus ist geräumig, mit einem Innenhof und einem richtigen Tor. Der Boden ist nicht aus Lehm, sondern asphaltiert. Hier lebt sie mit ihrem Ehemann, dessen erster Ehefrau und den Kindern. Ihr Mann kam zu dem Zeitpunkt gerade von der Arbeit. Er ist LKW-Fahrer und beliefert Geschäfte im Landesinneren mit Zigaretten.
Woran liegt es, dass es dieser Familie gut geht, die Familie nebenan aber in Dreck und Armut lebt? Ich weiß es nicht, jedenfalls habe ich keine eindeutige Antwort darauf.

Letzte Woche habe ich zusammen mit Anne den Ort Ruyigi im Landesinneren besucht. Dort lebt und arbeitet „Maggy“. Eine sehr berühmte Burunderin.
Am Dienstagmorgen um 8h sind wir mit dem Bus los gefahren. Die Fahrt dauerte fast 4 Stunden. Auf den letzten 60 km ist die Strasse sehr schlecht, mit Schlaglöchern durchzogen. Ruyigi ist ein kleines Dorf. Dort angekommen wurden wir sehr herzlich von Maggie empfangen. Sie begleitete uns in das Maison Shalom, ihr Haus, indem wir die 4 Tage gelebt haben. Jeden Mittag und Abend gab es warmes burundisches Essen mit 10 verschiedenen Gerichten, Kochbananen in 4 verschiedenen Varianten, Fleisch, Bohnen, Reis, Kartoffeln, Lenga-lenga… Abends gab es zusätzlich noch Gemüsesuppe, eigentlich überhaupt nicht burundisch.
Nach dem Essen hat uns ein Mitarbeiter die ganzen Projekte des Maison Shalom gezeigt, dazu gehören Ausbildungsstätte ( Landwirt, Automechanik, Schreiner), zwei Hotels (Frieden + Maison des Anges), ein Kindergarten, ein Mutter-Kind Haus zur Aufklärung und begleitung bei Schwangerschaften, ein riesiges Krankenhaus „Rema“ welches noch im Bau ist und die „cité des anges“ ( eine Art Freizeitkomplex mit Kino, Sport, Bibliothek, Schwimmbad, Kiosk, Friseurladen, Schneiderladen). In vielen dieser Projekte arbeiten Kinder, Frauen und Männer die Maggy während den Kriegsjahren aufgenommen hat. Zu den Personen in ihrem Haushalt gehört auch eine Mutter, die, nachdem ihre 8 Kinder vor ihren Augen ermordet wurden, starke irreversible psychische Schäden erlitten hat. Neben den aufgezählten Projekten, gibt es eine Reihe an Fratries. Dies sind Wohngemeinschaften von Geschwister deren Eltern verstorben sind. Sie wohnen in von Maggie gekauften Häusern, etwas abgelegen von Ruyigi, mit großem Garten, wo sie an den Wochenenden und in den Ferien arbeiten. Unter der Woche gehen sie zur Schule, wo wiederum Maggie alle Kosten übernimmt. Der älteste der Geschwister ist der „chef de ménage“ Chef des Haushalts. Diese Fratries werden regelmäßig von Psychologen oder Sozialarbeitern besucht.
Wegen der Verfolgung und Ermordung der Albinos in Tansania haben sich viele nach Ruyigi geflüchtet. Ihr Blut, ihre Gliedmaßen und Köpfe werden teuer an Zauberer verkauft. Sie finden in einem vom Staat bezahlten Haus Zuflucht und werden von Maggie mit Lebensmittel unterstützt, dennoch wohnen sie in schlechten Konditionen, auf engem Raum und in ständiger Angst. Anfangs wollte Maggie die ganzen Kosten übernehmen, dies wollte die Regierung jedoch nicht, wahrscheinlich weil die staatliche, burundische Polizei mit den Zauberern in Tanzania Geschäfte macht, und ihnen die Albinos ausliefert.
Überhaupt steht Maggie im Schussfeuer von so einigen Leuten, nicht nur der Regierung sondern auch von manchen anderen ONG. Sie übt scharfe Kritik an der korrupten burundischen Regierung und an der, wie sie sagt „Perversion der Entwicklungshilfe“.
Sie hat ihre ganze Arbeit in den Heimen beendet und in Gemeinwesenarbeit umgewandelt. Sie bietet den Kindern Ausbildung an, baut ihnen Häuser, bietet psychologische und medizinische Unterstützung, macht Aufklärungsarbeit in den Familien und Aidspräventionsprojekte in den Dörfern indem sie mit den Gouverneuren und den Kommunen der Hügel zusammen arbeitet. Da die meisten der Kinder nicht aus der Nähe von Ruyigi kommen, hat sie in vielen Kommunen Posten, wo Psychologen und Sozialarbeiter installiert sind, um die Familien und Kinder regelmäßig besuchen und betreuen zu können.
Ich habe in den vier Tagen in Ruyigi viel für mich persönlich mitnehmen können. Die Menschen dort haben mir wieder Aufschwung gegeben für meine Arbeit in Bujumbura. Man hat das Gefühl in eine große Familie zu kommen.
Maggie ist eine sehr beeindruckende Persönlichkeit, eine starke Frau mit viel Charisma, Herzlichkeit und Offenheit. Sie vertritt ihre Meinung sehr eindrucksvoll. Leider war die Zeit sehr kurz, sodass wir nur eine Ahnung von ihrer Person und ihrer Arbeit bekommen konnten.
Die kleine Stadt Ruiygi ist anders als das Burundi was ich bis jetzt gesehen hab, selten sieht man Männer den ganzen Tag nichts tuend am Straßenrand sitzen, selten wird man angebettelt. Unter den Bewohner spürt man eine Solidarität und alle scheinen fleißig zu sein. Vor allem hat uns die Arbeitsatmosphäre unter allen Mitarbeiter des Maison Shalom beeindruckt. Sie ist geprägt von Offenheit, Zusammenarbeit und Vertrauen. Ein Mitarbeiter meinte zu uns, das Maison Shalom wäre wie eine Kette in der jeder einzelne gebraucht wird. Alle Mitarbeiter befinden sich auf gleicher Ebene und werden mit Respekt behandelt, sei es der Psychologe, die Köchin oder der Nachtwächter.
Also dann mal bis bald,
Eure Nadine

1 Kommentar

  1. Ludwig Kamm sagte,

    März 23, 2009 um 8:01

    Ich bin schon einige Male dort gewesen, im Jahre 2008 das letzte Mal.
    1998 war ich mit meinem Neffen Sebastian in Ruyigi beim dortigen Bischof Joseph. Der sagte zu uns: jetzt nehme ich euch mit in unsere Schatzkammer – und wir landeten bei Maggie, die ich schon kannte.
    Dort wird eine tolle Arbeit gemacht – sehr nahe an und mit den Menschen!


Einen Kommentar hinterlassen