Häuslebau

Am Mittwoch habe ich damit begonnen, das Haus einer von uns in Buterere begleiteten Familie wieder aufzubauen. Die 10 köpfige Familie lebt seit über einem Jahr in einer Art Höhle, unter dem eingefallenen Dach ihres kleinen Hauses.

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Der Besitzer, wie wir schließlich erfahren haben, lässt sie schon seit 4 Jahren Mietfrei auf dem Gelände wohnen. Für eine Reparatur hätte er jedoch kein Geld gehabt und außerdem sei Regenzeit, in der man keine neuen Wände hochziehen könnte. Die Kinder leiden unterdessen an entzündeten Augen und haben alle Flöhe, weil es nahezu unmöglich ist sie unter diesen Umständen sauber zu halten.

Wir haben also am Mittwoch zusammen das alte Fundament ausgegraben, das Dach auseinander genommen und ein neues errichtet.

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Ich war ursprünglich fest davon überzeugt, dass wir alle bereits vorhandenen Materialen wiederverwenden würden. Ich wollte nicht einfach so ein neues Haus bauen, sondern mir war wichtig den Menschen zu zeigen, dass man durch Eigeninitiative auch ohne Hilfe von außen etwas verändern kann. Leider wurden meine hochmütigen Pläne sofort zerstört, da wirklich ALLE Holzpfähle und Wellblechdächer so vermodert waren, dass man sie auf keinen Fall für den Bau des neuen Hauses verwenden konnte. Also musste ich dann doch neues Wellblech kaufen, außerdem Zement für das neue Fundament, Nägel, Holzpfeiler und nicht zu vergessen Nahrungsmittel, da die Helfer ja versorgt werden müssen. Auch mein Plan, in Zusammenarbeit mit der Familie das Haus zu reparieren habt sich nicht durchsetzen können. Der Familienvater, dem ich eigentlich zugetraut hatte, dass er weiß, wie man ein Haus baut, weigerte sich strikt, selber das Dach zu bauen. Auch mein Arbeitskollege war fest davon überzeugt, dass dafür ein Spezialist kommen müsse. Zum Verständnis: Wir reden von der Errichtung eines Pfahlgerüsts (siehe Foto) auf dem dann die Wellbleche angebracht werden. Naja, wir haben also einen „Spezialisten“ aus der Nachbarschaft angeheuert uns zu helfen. Das ganze sieht ziemlich gut aus, nächste Woche werden wir fertig denke ich.

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Der Besitzer, den vorher angeblich niemand erreichen konnte, wenn es um die Reparatur ging, stand schon nach den ersten 2 Stunden Arbeit auf dem Gelände und wollte wissen was wir machen. Mir war das so peinlich, weil ich ja eigenmächtig auf seinem Grundstück begonnen hatte SEIN Haus aufzubauen. Außerdem kamen mir Bedenken, ob er die Familie nicht womöglich nach der Fertigstellung rausschmeißen würde. Nach einem ausführlichen Gespräch, versicherte er uns, dass er das Haus und das Grundstück in den nächsten 5 Jahren nicht in Anspruch nehmen würde. Wir können nur hoffen, dass es tatsächlich stimmt. Wenn er die Familie dennoch rausschmeißen wird, dann werden sie das Dach abreißen und mitnehmen.

Ich bin eigentlich fast jeden Tag zusamen mit Anne und Bienvenu in Buterere. Anne arbeitet an der Reintegration von einigen Straßenjungs und Bienvenu hilft uns bei der Kommunikation und Organisation. Damit ihr wisst von wem ich rede hier ein Foto :-)

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Montag und Freitag war ich jeweils eine Stunde im Kindergarten in Buterere. Ich habe mit einer kleinen Gruppe über Burundi und die Nachbarländer geredet. Wenn sie soweit sind, dass sie eine Ahnung davon haben, wo sie sich befinden, werde ich ihnen Europa ein bisschen näher bringen. Warum ich das mache? Es existiert seit Kurzem eine Patenschaft zwischen unserem Kindergarten und einem Kinderhaus in Lörrach. Diese Patenschaft soll der Fondation Stamm ermöglichen, täglich Brei an die Kinder zu verteilen und auch die Umgebung kindgerechter zu gestalten. Vor meiner Abreise habe ich einen Brief mit schönen Bildern und Fotos von den Kindern aus Lörrach für unsere Kinder in Buterere erhalten. Gegen Ende meiner Zeit hier, will ich sie den Kids geben. Vorher sollen sie aber wissen woher die Sachen kommen.

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Am Dienstag habe ich ein Interessantes Gespräch mit einer Mitarbeiterin von Thars geführt. Diese Lokale ONG wird von der Kindernothilfe finanziert. Kindernothilfe hat in vielen Ländern Afrikas ein Projekt ins Leben gerufen, das sich „The Self Help Group Approach“ nennt. In Ruanda gibt es dieses Projekt seit 2002, in Burundi seit 2007. 10-15 Frauen bilden eine Gruppe, die in der ersten Phase noch von einer lokalen Organisation finanziert und angeleitet wird. Ziel ist es, viele kleine Selbsthilfegruppen zu gründen, von denen jeweils zwei Frauen eine CLA (Cluster Leven Association) bilden. Diese Assoziation vertritt dann bis zu 200 Frauen und deren Familien. Was mich besonders an dem Ansatz interessiert ist, dass die Mitglieder jede Woche einen kleinen Geldbetrag sparen, der später im Rotationsverfahren als Mikrokredit an die Frauen vergeben wird. Das Geld gehört ganz den Frauen und fließt nicht von außen in die Kassen der Gruppen. In zwei Wochen kann ich eine dieser Gruppen besuchen. Ich würde dieses Konzept gerne auch auf Buterere übertragen, da die Frauen sich so, unabhängig von der Fondation, eine Existenz aufbauen können. Leider benötige ich jedoch für die Umsetzung professionelles Personal und vor allem viel Zeit. Mir bleiben nur noch 4 Wochen, deswegen werde ich jetzt noch nicht damit anfangen. Aber vielleicht besteht dazu ja im Sommer die Möglichkeit.

Nach zwei Wochen

Jetzt bin ich schon zwei Wochen in Burundi, ich habe Zeit gebraucht mich einzugewöhnen und meine Aufgaben zu finden. Ich hatte eigentlich damit gerechnet, dass ich sofort anfange richtig zu arbeiten. Leider gibt es das Heim in Buterere nicht mehr, indem ich letzten Sommer jeden Tag gearbeitet habe. Es befinden sich dort nur noch der Kindergarten und das Büro für die Vergabe von Mikrokrediten. Die Straßenmädchen und ihre Geschwister, die wir dort untergebracht haben sind wieder auf sich allein gestellt. Ihre Familien kümmern sich nicht immer ausreichend um sie und so musste ich fast alle wieder auf den Straßen von Bujumbura betteln sehen. Ich zerbreche mir den Kopf darüber, wie ich die Familien unterstützen kann. Mit Spendengeldern bin ich dieses Mal nicht gekommen. Ich habe mir fest vorgenommen, den Menschen auf andere Weise zu helfen. Sie sollen schließlich nicht ewig abhängig von Hilfen sein. Außerdem bin ich ja auch nach zwei Monaten nicht mehr da. Viel wichtiger ist es mir dieses Mal, in Zusammenarbeit mit ihnen, ihre eigenen Ressourcen zu wecken und sie zu motivieren, ihr Leben in die Hand zu nehmen. Ich finde immer wieder Eltern vor, die ihren Kindern ein schlechtes Vorbild sind. Wenn sie nicht selber mit auf die Straße gehen zum Betteln, dann machen sie den ganzen Tag nichts. Ich habe oft den Eindruck, dass sie sich ihrem Schicksal hingeben, da man ja eh nichts ändern kann. Diese Sichtweise finden wir hier auch oft in den Heimen. In einem Gespräch mit 6 Straßenjungen, die zurück in Ihre Familien sollen ging es darum, sie zu einer Ausbildung zu motivieren. Sie waren nicht begeister von dieser Idee, im Gegenteil, sie argumentierten, dass Gott schon entscheiden würde, ob sie arm bleiben müssten oder nicht. Sie sehen einfach nicht ein, dass ihre Zukunft in ihren eigenen Händen liegt. Wir die Muzungus hätten ja den glaube an Gott sowieso verloren und uns würde nur Geld interessieren. Wir hätten ja nie echtes Elend erlebt und hätten leicht reden. Diese jungen Männer im Alter zwischen 18 und 23 formen zwar ihre Muskeln durch Sport, wollen ihre Kräfte aber nicht für Arbeit nutzen. „Das ist uns zu anstrengend…“!!!
Mir fällt es sehr schwer über ihre und die Einstellung der Eltern in den Armenvierteln zu urteilen. Steht es mir zu, zu behaupten, dass sie mit mehr Engagement und Eigenleistung sehr viel verändern könnten? Und ist es nicht auch unsere Schuld, dass die Jungs nie richtig gelernt haben für ihren Unterhalt zu kämpfen. Sie waren jahrelang im Heim, habe nicht gelernt, wie man ein Feld bestellt oder wie man eine Familie versorgt. Das übernehmen sonst die Familien im alltäglichen Leben, doch anstatt sie zu den Familien zu bringen und sie dort zu unterstützen haben wir sie in Heime gesteckt. Ein gutes Vorzeigebild für Spender, die bei Besuchen eine Anlaufstelle haben. Aber ist es auch nachhaltige und sinnvolle Hilfe? Im Prinzip wird den Kindern doch ein Leben ermöglicht, dass sie später nie selber leben könnten. Sie kommen aus armen Bauernfamilien und werden sich zum größten Teil auch wieder auf diese Weise durchs Leben schlagen. An dieser Stelle höre ich mal auf, das Thema ist wirklich sehr schwierig. Ich selber dachte immer, im Heim ist es besser als bei den Familien, weil die Kinder zur Schule gehen können, sie garantiert essen können und ein eigenes Bett haben. Aber eben dieser „Luxus“ formt die Mentalität und die Zukunftsvorstellungen der Kinder, die leider nicht sehr realistisch sind.
Zurück zu Buterere und den Familien dort. Nicht alle Frauen, mit denen ich arbeite leben in extremer Armut und nicht alle haben die Hoffnung auf ein gutes Leben verloren. Ich sehe durchaus auch Familien, in denen beide Eltern arbeiten und deren Kinder immer sauber sind, auch wenn sie kein fließendes Wasser im Haus haben. Eine besonders zuverlässige junge Mutter aus Buterere hat mich sofort am ersten Tag verblüfft. Ich habe ihr im Sommer das erste Mal einen Mikrokredit gegeben. Zuerst zögerte ich, denn sie war sauber und verhältnismäßig gut gekleidet, sprach sogar französisch. Ich dachte mir: Warum braucht sie einen Kredit, es geht ihr doch gut. Ihr Mann hat Arbeit und sie ebenfalls. Sie wollte ihren Handel jedoch verbessern und benötigte 30€. Ich entschloss mich zusammen mit Bienvenu ihr den Kredit zu gewähren.
Heute hat sie schon ihren zweiten Kredit gewissenhaft zurück gezahlt und ist diejenige, die uns Informationen über andere Frauen gibt. Durch sie können wir die anderen Frauen aus dem Viertel besser „kontrollieren“. Sie kennt ihre Nachbarinnen und ist uns bei der Auswahl der Kreditnehmerinnen eine große Hilfe.
Vor letzte Woche begrüßte sie mich freudestrahlend und übergab mir ein Paket, ordentlich eingepackt in Geschenkpapier. Darin befand sich eine von Hand bestickte große Decke und ein Brief, indem sie sich für meine Hilfe bedankte. Anschließend lud sie mich zu sich nach Hause ein. Sie wohnt nur wenige Meter vom Büro entfernt. Ihr Haus ist geräumig, mit einem Innenhof und einem richtigen Tor. Der Boden ist nicht aus Lehm, sondern asphaltiert. Hier lebt sie mit ihrem Ehemann, dessen erster Ehefrau und den Kindern. Ihr Mann kam zu dem Zeitpunkt gerade von der Arbeit. Er ist LKW-Fahrer und beliefert Geschäfte im Landesinneren mit Zigaretten.
Woran liegt es, dass es dieser Familie gut geht, die Familie nebenan aber in Dreck und Armut lebt? Ich weiß es nicht, jedenfalls habe ich keine eindeutige Antwort darauf.

Letzte Woche habe ich zusammen mit Anne den Ort Ruyigi im Landesinneren besucht. Dort lebt und arbeitet „Maggy“. Eine sehr berühmte Burunderin.
Am Dienstagmorgen um 8h sind wir mit dem Bus los gefahren. Die Fahrt dauerte fast 4 Stunden. Auf den letzten 60 km ist die Strasse sehr schlecht, mit Schlaglöchern durchzogen. Ruyigi ist ein kleines Dorf. Dort angekommen wurden wir sehr herzlich von Maggie empfangen. Sie begleitete uns in das Maison Shalom, ihr Haus, indem wir die 4 Tage gelebt haben. Jeden Mittag und Abend gab es warmes burundisches Essen mit 10 verschiedenen Gerichten, Kochbananen in 4 verschiedenen Varianten, Fleisch, Bohnen, Reis, Kartoffeln, Lenga-lenga… Abends gab es zusätzlich noch Gemüsesuppe, eigentlich überhaupt nicht burundisch.
Nach dem Essen hat uns ein Mitarbeiter die ganzen Projekte des Maison Shalom gezeigt, dazu gehören Ausbildungsstätte ( Landwirt, Automechanik, Schreiner), zwei Hotels (Frieden + Maison des Anges), ein Kindergarten, ein Mutter-Kind Haus zur Aufklärung und begleitung bei Schwangerschaften, ein riesiges Krankenhaus „Rema“ welches noch im Bau ist und die „cité des anges“ ( eine Art Freizeitkomplex mit Kino, Sport, Bibliothek, Schwimmbad, Kiosk, Friseurladen, Schneiderladen). In vielen dieser Projekte arbeiten Kinder, Frauen und Männer die Maggy während den Kriegsjahren aufgenommen hat. Zu den Personen in ihrem Haushalt gehört auch eine Mutter, die, nachdem ihre 8 Kinder vor ihren Augen ermordet wurden, starke irreversible psychische Schäden erlitten hat. Neben den aufgezählten Projekten, gibt es eine Reihe an Fratries. Dies sind Wohngemeinschaften von Geschwister deren Eltern verstorben sind. Sie wohnen in von Maggie gekauften Häusern, etwas abgelegen von Ruyigi, mit großem Garten, wo sie an den Wochenenden und in den Ferien arbeiten. Unter der Woche gehen sie zur Schule, wo wiederum Maggie alle Kosten übernimmt. Der älteste der Geschwister ist der „chef de ménage“ Chef des Haushalts. Diese Fratries werden regelmäßig von Psychologen oder Sozialarbeitern besucht.
Wegen der Verfolgung und Ermordung der Albinos in Tansania haben sich viele nach Ruyigi geflüchtet. Ihr Blut, ihre Gliedmaßen und Köpfe werden teuer an Zauberer verkauft. Sie finden in einem vom Staat bezahlten Haus Zuflucht und werden von Maggie mit Lebensmittel unterstützt, dennoch wohnen sie in schlechten Konditionen, auf engem Raum und in ständiger Angst. Anfangs wollte Maggie die ganzen Kosten übernehmen, dies wollte die Regierung jedoch nicht, wahrscheinlich weil die staatliche, burundische Polizei mit den Zauberern in Tanzania Geschäfte macht, und ihnen die Albinos ausliefert.
Überhaupt steht Maggie im Schussfeuer von so einigen Leuten, nicht nur der Regierung sondern auch von manchen anderen ONG. Sie übt scharfe Kritik an der korrupten burundischen Regierung und an der, wie sie sagt „Perversion der Entwicklungshilfe“.
Sie hat ihre ganze Arbeit in den Heimen beendet und in Gemeinwesenarbeit umgewandelt. Sie bietet den Kindern Ausbildung an, baut ihnen Häuser, bietet psychologische und medizinische Unterstützung, macht Aufklärungsarbeit in den Familien und Aidspräventionsprojekte in den Dörfern indem sie mit den Gouverneuren und den Kommunen der Hügel zusammen arbeitet. Da die meisten der Kinder nicht aus der Nähe von Ruyigi kommen, hat sie in vielen Kommunen Posten, wo Psychologen und Sozialarbeiter installiert sind, um die Familien und Kinder regelmäßig besuchen und betreuen zu können.
Ich habe in den vier Tagen in Ruyigi viel für mich persönlich mitnehmen können. Die Menschen dort haben mir wieder Aufschwung gegeben für meine Arbeit in Bujumbura. Man hat das Gefühl in eine große Familie zu kommen.
Maggie ist eine sehr beeindruckende Persönlichkeit, eine starke Frau mit viel Charisma, Herzlichkeit und Offenheit. Sie vertritt ihre Meinung sehr eindrucksvoll. Leider war die Zeit sehr kurz, sodass wir nur eine Ahnung von ihrer Person und ihrer Arbeit bekommen konnten.
Die kleine Stadt Ruiygi ist anders als das Burundi was ich bis jetzt gesehen hab, selten sieht man Männer den ganzen Tag nichts tuend am Straßenrand sitzen, selten wird man angebettelt. Unter den Bewohner spürt man eine Solidarität und alle scheinen fleißig zu sein. Vor allem hat uns die Arbeitsatmosphäre unter allen Mitarbeiter des Maison Shalom beeindruckt. Sie ist geprägt von Offenheit, Zusammenarbeit und Vertrauen. Ein Mitarbeiter meinte zu uns, das Maison Shalom wäre wie eine Kette in der jeder einzelne gebraucht wird. Alle Mitarbeiter befinden sich auf gleicher Ebene und werden mit Respekt behandelt, sei es der Psychologe, die Köchin oder der Nachtwächter.
Also dann mal bis bald,
Eure Nadine